Dissertation von Kathrin Hogräve
Arbeitstitel
Bildungssettings mit Portalen (Communitybuilding)
Stand der Dissertation und Betreuung
Seit 14.12.2005 Doktorandin an der FernUniversität Hagen im Lehrgebiet
Bildungtechnologie.
Betreut durch Univ. Prof. Dr. Peter Baumgartner, Leiter des Departments für Interaktive
Medien und Bildungstechnologien (IMB) an der Donau-Universität Krems.
Zusammenfassung
Viele der in der Literatur genannten „best cases“ sind durchaus interessant, haben jedoch
den Nachteil, dass es sich um komplexe Technologien handelt und somit ein Transfer in die
Praxis, ohne die Unterstützung von Forschungsgruppen, schwierig ist (Schneider 2004). Die
derzeitigen Informations- und Kommunikationstechnologien besitzen Potentiale, welche die
meisten Funktionen eines Lehr-/ Lernsystems unterstützen und damit als Denk-, Arbeits- und
Austauschmedium zu betrachten sind. Sie sind jedoch lediglich punktuell und schlecht
organisiert (Schneider 2004).
Wir benötigen jedoch ein flexibles Informations- und Kommunikationssystem, welches
Wissen produziert und den Austausch fördert. Es sollte deshalb laut Schneider (2004)
folgende Funktionen besitzen:
- den Zugriff auf verschiedene Informationen durch Navigation, Suche, Schlüsselwörter etc.
- die Manipulation von Inhalten sollte möglich sein
- eine differenzierte Interaktion zwischen den Teilnehmern sollte gewährleistet sein
- die Integration der Funktion, einschließlich zentrales „knowledge management“.
Ausgehend von einer am Lehrgebiet Bildungstechnologie der FernUniversität Hagen
durchgeführten Kategorisierung von Content Management Systemen sollen Portale, so
genannte Community–Content-Collaboration Management Systeme, untersucht werden.
Viele Portale, die eine Community Funktion anbieten, können keine oder nur wenige aktuelle
Nutzeraktivitäten aufweisen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Selbststeuerung, Adaptivität
und Partizipation. Bedingungen für virtuelle Communities und deren kollaborativen
Lernprozess ist die aktive Teilnahme jedes Einzelnen. Nur so kann der individuelle und
kollektive Lernprozess gelingen. Dabei hat das einzelne Community - Mitglied die Aufgabe,
eine Mitverantwortung für den Gruppenprozess zu übernehmen und mit den anderen
Community - Mitgliedern zusammenzuarbeiten, denn nur eine für alle wahrnehmbare bzw.
nachvollziehbare Partizipation ermöglicht das Weiterleben und die Weiterentwicklung der
Community. So zeigen Untersuchungen zum Partizipationsverhalten von Teilnehmern
(Guzdial & Turns, 2000; Hewitt & Tevlops, 1999; Lipponen, 2001; Lipponen et al 2002), dass
sich viele eher passiv Verhalten oder/und ganz aussteigen. Für die Etablierung und das
Fortbestehen einer Community ist jedoch eine kritische Masse an Aktivitäten sowie aktiven
Teilnehmern entscheidend („Kritische Masse“ - Phänomen, vgl. Camino, Milewski, Millen und
Smith 1998). Des Weiteren ist die kontinuierliche Teilnahme über den gesamten
gemeinsamen Lernprozess bzw. Aktivitätsprozess von zentraler Bedeutung, da eine
diskontinuierliche Teilnahme zu Anschluss- und Demoralisierungsproblemen führen können.
Bei kontinuierlicher Partizipation muss außerdem die Homogenität bzw. Heterogenität des
Teilnahmeverhaltens betrachtet werden. Dies bezieht sich zum einen auf das Ausmaß der
Beteiligung und zum anderen auf den prozessualen Verlauf.
So zeigen u. a. Forschungsergebnisse von Mynatt et al (1999), dass sich bei der
Herausbildung von Nutzungsmustern virtuelle Communities länger existieren und ihre
Interaktion sich vielfältiger entwickelt, da anhand dieser Muster Mitglieder abschätzen
können, wann ein Communitymitglied virtuell erreichbar ist.
Neben den oben erläuterten quantitativen Aspekten spielen qualitative Aspekte eine weitere
bedeutende Rolle. Diese berücksichtigen, welche Qualität die geleisteten Beiträge oder
Aktivitäten die Communitiemitglieder aufweisen. Sie beziehen sich auf die individuell -
fachliche Ebene, auf die funktional – prozesssteuernde sowie sozio-emotionale Ebene. So
zeigen Untersuchungen zu aufgabenbezogenen Beiträgen, dass viele Beiträge nichts zur
inhaltlichen Bearbeitung der Aufgabenstellung beitragen, d.h. es kommt zu off topic –
Beiträgen. Des Weiteren haben Untersuchungen aufgezeigt, dass eher geteiltes Wissen als
ungeteiltes Wissen ausgetauscht wird.
Insbesondere geteilte Informationen werden durch Anonymität bzw. wechselseitige
Bekanntheit der Beteiligten entweder erschwert oder begünstigt (Buder & Creß 2001,
Lipponen et al. 2002). Damit wird die Co – Konstruktion von Wissen erschwert. Relevant sind
jedoch auch solche Beiträge, welche die Steuerung, Organisation und Koordination des
gemeinsamen Gruppenprozesses unterstützen. Auch gewinnt der sozio–emotionale Bereich
zunehmend an Relevanz. Er stützt sich vor allem auf Erkenntnisse der
sozialpsychologischen und gruppendynamischen Forschung. Gerade in Gruppen, die über
einen längeren Zeitraum zusammen kommunizieren, arbeiten bzw. lernen, sind sozio–
emotionale Kommunikationsbeiträge von großer Bedeutung, besonders für den selbst
gesteuerten kollaborativen Prozess. Diese steuern einen wesentlichen Beitrag für den
Zusammenhalt der Gruppe bei und fördern, dass eine „soziale Identität“ aufgebaut wird und
sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt.
Einflussfaktoren, die über eine aktive bzw. mangelnde Teilnahme entscheiden, können auf
individueller sowie auf Gruppenebene liegen. Es reicht nicht aus, dass ein Individuum
motiviert ist zu lernen, es muss auch motiviert sein, in der Gruppe zu lernen.
Aufbau und Forschungsleitende Fragestellung der Dissertation
Im Rahmen des Promotionsvorhabens soll folgender Frage nachgegangen werden:
Wie können in Portalen die Selbststeuerungskompetenz und Partizipation der Community-
Mitglieder didaktisch-methodisch und technisch gleichwertig gefördert und gestützt werden?
Im ersten Teil der Arbeit werden zunächst Aufbau und Funktionsweise eines C3MS
dargelegt. Anschließend wird zunächst nach einem Abriss der Entstehungsgeschichte
virtueller Gemeinschaften auf das Phänomen Soziale Gruppe eingegangen, da es sich bei
virtuellen Communities um soziale Gruppen handelt. Darauf aufbauend wird der Begriff
virtuelle Community aus verschiedenen Perspektiven erläutert und eine Arbeitsdefinition
festgesetzt. Anschließend werden im Allgemeinen verschiedene Arten von Communities
dargestellt und die zwei für die Arbeit wichtigen Community-Arten, Community of Practice
und Lerngemeinschaft, ausführlicher betrachtet. Im Anschluss an diese theoretischen
Ausführungen folgen Erläuterungen zur Gruppenbildung und zur Gruppenentwicklung, die
eine wichtige Grundlage für das Entstehen und das erfolgreiche Fortbestehen einer virtuellen
Gemeinschaft darstellen. Abschließend werden wichtige Gestaltungsprinzipien virtueller
Communities beleuchtet, wie beispielweise Phasen, Rollen, Profile, Umgangsformen Rituale.
Daran schließt sich ein Überblick über die theoretischen Grundlagen des selbst gesteuerten
Lernens, als einen aktive – von jeden Einzelnen und der gesamten Lerngruppe – selbst
gesteuerten Prozess an. Dabei wird auf das Konzept des selbst gesteuerten Lernens näher
eingegangen und die Prozess- sowie Kompetenzperspektive genauer betrachtet, wobei
jeweilige Wechselwirkungen bzw. -beziehungen berücksichtigt werden. Anschließend
werden auf Grundlage der veränderten Rolle des Lernenden verschiedene technische
Unterstützungsansätze vorgestellt.
Zum Abschluss der theoretischen Ausführungen werde ich mich näher mit der Partizipation
auseinandersetzen, da für das Gelingen des individuellen und kollaborativen Lernprozesses
in virtuellen Communities eine aktive Teilnahme (Partizipation) jedes Einzelnen notwendig
ist. Denn beim selbst gesteuerten Lernen einer Gruppe muss jeder Einzelne eine
Mitverantwortung übernehmen, mit den jeweiligen Gruppenmitgliedern zusammen arbeiten
und die unterschiedlichen Arbeitsergebnisse aufeinander abstimmen. Somit ist für das
kollaborative Lernen in virtuellen Communities die entscheidende Voraussetzung, dass eine
für alle wahrnehmbare und nachvollziehbare Partizipation erfolgt, da diese das Weiterleben
und die Weiterentwicklung der Gemeinschaft und des Lernprozesse ermöglicht. Deshalb
werden im folgenden Kapitel die quantitativen und qualitativen Aspekte des
Partizipationsverhaltens näher betrachtet, die für das selbst gesteuerte Lernen in virtuellen
Communities bedeutsam sind. Dabei werden Ursachen und Einflussfaktoren auf das
Partizipationsverhalten näher betrachtet.
Der zweite Teil meiner Dissertation widmet sich dem empirischen Teil. Zu Beginn wird
zunächst das Verfahren beschrieben und begründet. Anschließend folgt eine genaue
Vorstellung der Portale hinsichtlich ihrer technischen Mittel, ihrer Kommunikationsstruktur
sowie unterstützenden Funktionen. Im Anschluss werden die jeweiligen Portale bezüglich
ihrer Selbststeuerung untersucht, in dem Funktionen und Rollen der Gruppenmitglieder
genauer betrachtet werden. Mit Hilfe der gewonnen Daten erfolgt eine Analyse, wie sich
Funktionen und Rollen auf die Selbststeuerung der Gruppe auswirkt. Ein 3. Bereich
beschäftigt sich mit Partizipationsformen und -mustern. Hier werden die typischen
Partizipationsmuster der betreffenden Portale herausgearbeitet und untersucht, wie die
jeweiligen Partizipationsformen gestaltet sind:
- Sind Partizipationsformen zu Beginn geplant?
- Bieten sie Raum für die Weiterentwicklung durch die Mitglieder?
Ein letzter Komplex beinhaltet die Analyse des erstellten/gewonnenen Inhalts bzw.
Datenmaterials der jeweiligen Portale. Hier wird untersucht: wo die Daten abgelegt sind, ob
sie dauerhaft abrufbar sind, wie diese Daten zu finden sind etc. Des Weiteren wird
untersucht, ob und wie Online/Präsenz Phasen stattfinden, wie sie organisiert sind und wie
sie miteinander verknüpft sind. Anschließend werden die erhaltenen Daten/Ergebnisse zum
Partizipationsverhalten und zur Selbststeuerung ausgewertet.
Auszug aus der verwendeten Literatur
- Baumgartner, P.; Häfele, H. & Maier-Häfele, K. (2004): Content Management Systeme in e-Education – Auswahl, Potentiale und Einsatzmöglichkeiten. Innsbruck-Wien: StudienVerlag.
- Carell, A. (2006): Selbststeuerung und Partizipation beim computergestützten kollaborativen Lernen. Eine Analyse im Kontext hochschulischer Lernprozesse. Waxmann Münster/New York/München/Berlin.
- Gaiser, B.; Hesse, F. W., Lütke-Entrup, M (Hrsg.) (s007): Bildungsportale: Potenziale und Perspektiven netzbasierter Bildungsressourcen. Oldenburg Wissenschaftsverlag GmbH.
- Lehmann, B. & Bloh, E. (Hrsg.) (2005): Online-Pädagogik: Methodik und Content-Management. Band 2. Schneider Verlag Hohengehren GmbH.
- Puschart, I. (2006): Wissensaustausch über (un)moderierte Disskussionsforen: Konzeption, Anwendung und Evaluierung im Kontext von Lehre an Universitäten. http://www.knowcenter.tugraz.at/forschung/knowledge_services/dissertationen_diplomarbeiten (Stand 30.10.2008).
- Schneider, D.K. (2004): Gestaltung kollektiver und kooperativer Lernumgebungen. http://tecfa.unige.ch/tecfa-people/schneider.html (14.08.2005)

